Die letzte große Liebe

Viele Tage und Nächte waren schon ins Land gegangen bis es mir endlich gelungen war meine Angebetete in das geliebte Theater einzuladen. Draußen wehte ein kühler, herbstlicher Wind, die Blätter fielen gelangweilt von den Bäumen, um sich niederzulegen und zertreten zu werden und während ich vor dem großen Haus wartete, da blies ich, wie eine Lokomotive, große Rauchschwaden in den anbrechenden Abend. Endlich also kam sie herbei und ihre Wangen glühten noch immer rot, als wir uns wenige Augenblicke später schon nebeneinander auf den knatternden Holzsitzen im Theatersaal vorfanden. Während die große Menge sich aber noch gespitzt in Gesprächen erging, beobachtete ich, wie sie, anmutig und keck zugleich, ihr braunes Haar zwischen den schlanken und blassen Fingern verdrehte, dabei vernichtend leise Seufzer von sich ließ oder mir vielversprechend zulächelte, mal nickte, mal apathisch die Bühne mit ihrem schwachen Augenlicht in den Blick nahm. Von der Wonne und Feierlichkeit dieser Eindrücke überwältigt und ihre Haltung und Neigung zu mir in jeder ihrer Bewegungen prüfend, fasste ich den Entschluss noch zu zögern und mir ihrer Liebe zu mir erst gewiss zu sein, ehe ich in peinliche Anzüglichkeiten geraten könnte; die drohende Gefahr jener hinter uns sitzenden Menschen in höherem Alter und ihre möglicherweise missgünstigen Standpunkte stets taxierend. Doch gleichsam erfüllte mich eine tiefe Ahnung, welche mich in der Gewissheit inbändiger und kompromissloser Liebe ihrerseits, in das sich gerade eröffnende Theaterspiel, den abglimmenden Raum und die zarten wie kräftigen Stimmen der Schauspieler einsinken ließ.
Als aber im fünften Akt die Millerin von Verzweiflung erschüttert die Worte, Ferdinand, auch Du! Gift, Ferdinand! Von Dir! O' Gott, vergiss es ihm! Gott der Gnade, nimm die Sünde von ihm..., die Bühne herunter gesprochen hatte, da fasste die flammende Hand der Liebe sehnsüchtig nach meinem Herzen und in tiefster Inspiration und Aufregung griff ich nach ihrer kühlen Hand und legte sie behutsam in die meine. Sie aber fuhr entsetzt herum, holte weit aus und schmetterte mir eine Ohrfeige, dass sich mein Kopf vom Rest des Körpers löste und in weitem Bogen an das andere Ende des Saals hinfortgeworfen wurde. Während ich aber, über diese Begebenheit und meinen Zustand zugleich, fassungslos, kein Wort herausbrachte, gaben sich alle im Saal bestürzt und in hysterischem Geschrei die Flucht. Einige durch die Flügeltüren, einige sogar direkt durch die Wände; manche zerschellten an diesen qualvoll. Andere aber stürzten sich von der Loge, um auf dem Boden in kleinste Teile auseinanderzubrechen. »Die gehen alle kaputt!«, schrie einer entsetzt und ging dabei vom Irrsinn erfasst in lodernde Flammen auf, wurde aber sogleich von einem der Niederstürzer erschlagen. Alles tobte und brauste in ungeheuerlichem Lärm. Da griff eine junge Schauspielerin geistesgegenwärtig nach meinem Kopf, nahm ihn vorsichtig in ihre feinen Hände, schmiegte mich liebevoll an sich und flüsterte leise: »Alles keine guten Menschen.«   

Armin und die Blume

An einem milden Frühlingsmorgen wurde Armin, dem Verrückten, in der Stadt eine Blume geschenkt, deren Bewahrung er sich im selben Moment schwor, war er doch von einer großen Leidenschaft und Bewunderung über die Schönheit jener Blume ergriffen. Er lachte und krächzte, dass seine abgewetzten Lumpen wackelten, ja beinahe fielen sie ihm vom Leib, so heftig schüttelte er seinen Körper in Freude, hob die Blume etliche Male in das Sonnenlicht, musterte und bestaunte sie, lachte erneut, sprang auf und sang unbekannte Lieder in einer unbekannten Sprache. Die Fußgeher wechselten bei diesem Anblick oft die Straßenseite, spuckten aufs Trottoir und legten die Gesichter in grimmige Falten. Nicht genug: Einige Männer und Frauen blieben obendrein stehen, schrien und kreischten in unverständlichen Lauten, wobei sie in großer Wut mit den Gehstöcken drohten, dass dem Verrückten angst und bange wurde. Schon griff er die Blume fester und floh mit schnellen Schritten aus der Stadt.
Dort, abseits der Mauern, auf einer großen Wiese, welche hügelig gelegen von verschiedenen kleinen Wäldern umsäumt lag, versammelten sich die Verrückten vor ihrem großen Haus, das in früheren Zeiten ein Bauernhof gewesen, um sich friedlich in ihre eigenen Gedanken zu vertiefen. Oft standen sie in kleinen Kreisen vor dem Haus und wechselten seltsame Worte miteinander, oftmals führten sie auch fremdartige Selbstgespräche in stotterndem Ton. Andere nahmen sich bei der Hand, lächelten, lachten und tanzten über das Gras. Die meisten waren trotz ihrer zerzausten Haare, den dreckigen Lumpen sowie den gelben Zahnreihen von ungewöhnlicher Schönheit. Viele trugen ein besonderes Kleid.
Hierhin flüchtete Armin, um die Blume zu bewahren, die ihm am Morgen das Mädchen, welche Armin in tiefster Freude und Hingabe täglich in der Stadt aufzusuchen pflegte, auf dem Blumenmarkt geschenkt hatte. 
Schon erreichte er die rettende Wiese, zückte die Blume und zeigte sie den Verrückten vor, welche ihre Angelegenheiten augenblicklich einstellten, um sich von Farbe und Gestalt der wundersamen Blume trösten zu lassen. Schnell versammelten sie sich alle, bis sie Armin gänzlich eingekreist, und standen dort in großer Ergriffenheit und Freude. Da ging ein leichter Wind über die Wiese und ihm folgend immer lauter werdendes Hufgetrappel, bis schließlich eine Gruppe Räuber die Versammlung erreichte. Gemächlich stiegen sie von ihren Pferden herab, um das seltsame Spektakel näher zu erkunden. Ihr Hauptmann, ein haariger, groß gewachsener und stämmiger Mann, trat zwischen den Verrückten hindurch, bis er Armin, den Blumenträger, erreichte. Ebenfalls von der Schönheit jener Blume überwältigt, griff der Hauptmann sogleich gierig nach ihr, wollte er doch dieses wundersame Geschöpf sein Eigen nennen. Über diese Handlung erschüttert, flehten und raunten die Verrückten in Angst. Armin aber wehrte sich mit allen Kräften, bis der Räuber seine Hand in einen eisernen Griff nahm, um mit der anderen nach der Blume zu greifen. Als Armin auch hier nicht nachgab und den zitternden Körper mit letzten Kräften in jede Richtung zerrte, riss ihm der Hauptmann die Blume aus der Hand, dass sie in alle Teile zerfiel. Da ging ein großes Heulen und Klagen durch die Reihen der Verrückten, sie rauften sich die Haare, fielen einander mit nassen Augen in die Arme oder schrien in größter Not und Angst über ihr Unheil. Die Räuber aber lachten nur und schnitten ihnen die Hälse durch.

Die Feigheit der Wörter

Lobosch schüttelte, sprang, riss und schrie, aber es half nichts. Die Wörter blieben feige und versteckten sich. Lobosch nahm einen alten Zettel aus der Tasche und schrieb darauf: Nichts. Nichts. Nichts, bis die Wörter über und über in schwarzer Tinte verliefen. Lobosch schloss daraus, dass auch eine große Menge davon nichts half, blieb doch letztlich nichts anderes übrig als die Feigheit der Wörter. Fieberhaft riss er die Arme weit nach hinten, kippte beinahe vom hölzernen Stuhl, klagte, verwünschte und trampelte, aber es half nichts. Die Einsamkeit blieb und Lobosch rauchte alle Zigaretten auf, die er finden konnte. Dann blickte er bestürzt aus dem Fenster und hustete lange. Das half auch nichts. 
Plötzlich aber sammelte er sich, verwarf alles Geschriebene, lief unerschrocken auf die Straße hinaus, fiel sogleich vor  der geliebten jungen Strickwarenverkäuferin aus der Stadt auf die Knie und sagte: »Ich knie vor Dir und weine dicke Tropfen, weil ich nie vergessen möchte, dass es Dich gibt und damit Du mich auch nicht mehr vergisst.«   

Die Kinder vom Dorf


Der Flieder nimmt den Morgentau
in seine Arme wieder,
die Kinder singen leise Lieder
und die Wälder dämmern grau.

Am Hügel oben glänzt ein Licht
ins Tal hinab schon weit,
zum Dorfe still, und ohne Zeit,
und graue Wolken stehen dicht.

Dann trommelt es in kleinen Tropfen,
der Wind heult in der Ferne,
er löscht den Kindern die Laterne,
und an die Türen tönt ein Klopfen.

Dort schleicht in feuchtem Nebelgang,
durch die Gassen leise,
Ahasveros, der ewig greise,
im Bettlerkleide schwer entlang.

Dort liegen wie bei Spielerei 
in tiefer Angst verrenkt,
zwei Kinder in ein Bett gezwängt,
und lauschen seiner Litanei.

Unglückliche Zirkustage

Draußen herrschte lautes Geschrei. »Hört doch, ihr Narren!«, rief da jemand, das Publikum brauste, ein Löwe grollte missmutig im tiefsten Bass, der Dompteur brüllte angestrengt, Kinder schrien durcheinander, ein König verbeugte sich. Es war bereits Nacht geworden, schon setzte ein schwerer Regen ein und trommelte dumpf auf die Dächer. Der alte Bauwagen wogte leicht im Wind, die Kerzen am Schreibpult zitterten.
Kasper legte das feuchte Taschentuch aus der Hand und betrachtete die neuen Glasphiolen im Holzregal. 
Das Jonglieren mit den Phiolen hatte er vor langer Zeit zur höchsten Meisterschaft gebracht. Anfangs noch fielen sie. Fielen und zerschellten. Doch bald schon fand er sein ganzes Glück darin, die zerbrechlichen Gefäße mit den unterschiedlichsten seiner Gefühle ausnahmslos zu füllen und sehr achtsam mit ihnen umzugehen, damit diese fortan bei ihm blieben. Unaufhörlich schwebten sie hoch in der Luft, kreisten in  unterschiedlichste Richtungen davon, wirbelten, schimmerten und glänzten. Keine einzige zerschellte. 
Kasper nahm das feuchte Taschentuch in die Hand und betrachtete die leeren Glasphiolen im Holzregal. Das Publikum brauste und ein König verbeugte sich.

Große Gefühle

Der kleine Junge trug ebenso kleine holzbeschlagene Lederschuhe. Er hatte schwarzes, lockiges Haar und auch kleine trottelige Finger und seine Schritte waren klein und unsicher. Immerfort beobachtete er den großen Vogelschwarm. Jeden Tag, wenn er den steinernen Radweg von der Schule nach Hause lief, blieb er am großen Betonsee stehen und beobachtete, während über ihm die Wolken grau davonzogen. Selbst wenn der zornige Ziehvater es verbot, dass er sich verspätete, mal schrie und tobte, so kam er nicht umhin. Mit den kleinen dunkelbraunen Augen musterte er die große Vogelschar, presste die Lippen gespannt zusammen, staunte, lauschte und liebte. Liebte und liebte. 
An einem anderen Tag, da stand er wieder da, der kleine Junge. Der Wind brauste ihm kühl durch die Haare. Da plötzlich klackerten die Vögel mit den Flügeln, schlugen auf und flogen alle davon. Der kleine Junge aber rannte nach dem See, dass die Holzsohlen lärmten, griff mit den kleinen Fingern immerfort in die Luft, griff nach dem kühlen Himmel, in den die Vögel zerstoben, keuchte und ächzte. Die Vögel indes zogen nur einige schöne Kreise und verschwanden ein für allemal. Da kamen dem kleinen Jungen große Tränen, er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Weinte und weinte.  

Der Zauberkünstler Antonius Ignaz


Die folgende Geschichte behandelt einen Auszug aus dem Leben des Zauberkünstlers oder auch, wie die wenigen seiner Freunde ihn zu nennen pflegen, Zauberers Antonius Ignaz und strebt an, Dir, geneigter Leser, seine Eigenschaften und Seltsamheiten näher zu erläutern sowie seine Persönlichkeiten in den feinsten Zügen genauer auseinander zu legen. An dieser Stelle spielt es in jedem Falle also keine Rolle, ob die Namen anderer Figuren Verwendung finden, denn es liegt doch gerade der Schwerpunkt auf unserer bereits erwähnten werten Hauptfigur Antonius Ignaz, wie auch seinen Handlungen, die ich im Folgenden zu erläutern versuche. Es empfiehlt sich, dazu die eigene Faulheit, die allzu oft an literarische Figuren in einer künstlichen oder psychologischen Weise herangetragen wird, abzulegen und lediglich fingiert den Weisungen des Textes zu folgen, um eine mögliche falsche Verschränkung von Gefühlen oder Vorausweisungen mit und an das Geschriebene zu verhindern. Daran ist mir sehr gelegen, aber nun gut, wir wollen mit der Erzählung endlich beginnen.
In einem großen Raum, achteckig angeordnet und von hohen Decken eingeschlossen, saßen bei rustikaler Einrichtung einige Menschen, beschränken wir die Zahl der wichtigsten auf drei, zusammen bei Tische. Einige spielten Karten, tranken und waren in belanglose oder in anderem Falle auch belangvolle Gespräche vertieft, wobei sie gerne rauchten, die Nasen rümpften wie auch husteten und gerade dieses Husten oft aus Gründen der falschen Höflichkeit in ein krächzendes Lachen hinübergleiten ließen. Bei der Beschreibung dergleichen fällt also insbesondere auf, dass es sich um eine Zusammenkunft vornehmlich männlicher Teilnehmer handelt, in deren Gesellschaft sich der Zauberkünstler Antonius Ignaz wiederfinden wird. Diesen Umstand verursachte ein ihm bekannter Kunsthändler, dessen windige Beziehungen in die höheren Schichten betuchter Kaufmänner, Kunstliebhaber oder solcher, die sich das Trinken leisten konnten, sich als vorteilhaft heraustellten. Hierbei muss, wiewohl sehr ausschweifend, noch dringend erwähnt werden, dass unsere Hauptfigur einfachen Verhältnissen entsprungen und diesen auch lange Zeit verpflichtet gewesen war, durch glückliche Zufälle aber, womöglich auch durch göttliche Fügungen, und vor allem durch geschicktes Verhalten es erreicht hatte, ein Leben in finanziellen Nöten und körperlichem Elend zu verhindern. Auch haftete ihm nach vielen Bemühungen in der Kunst, den eigenen Körper zu beherrschen, keinerlei bäuerliche, knabenhafte oder lumpenartige Körperhaltung mehr an. Allein, er erreichte seine Ziele gerade darüber, für jede Situation die angemessene Haltung zu finden. In dieser Beziehung, so entschied Antonius Ignaz am Anfang seiner Übungen und Bemühungen, liegt alle Überzeugungskraft und überhaupt Wirkung und Erscheinung, ja das ganze Charisma in der Auswahl des richtigen Ganges; die übrige Haltung des Körpers habe diesem Diktat zu folgen. Diese Fähigkeit erhob Antonius Ignaz zu einer neuen Meisterschaft und mit den Jahren, sein Alter dürfen wir auf das Ende gesunder Dreißiger schätzen, zu einer geradezu unmenschlichen Perfektion. So gelang es Antonius Ignaz nach einer Vielzahl von Erfolgen beim einfachen Volk, genügend Mittel anzuhäufen, um einen eleganten braunen Gehrock schneidern zu lassen, welchen er fortan auch für seine Vorführungen instrumentalisierte, die er nun auch in höheren Häusern abzuhalten im Stande war. Vielmehr noch, er aß zu Hause nur noch Brot und ließ nach einiger Zeit mit dem Ersparten  einen solchen Rock in Enzianblau wiederum schneidern, um in adligen Kreisen den Anschein gespielten Besitztumes zu vermeiden. Für beide Kleidungsstücke wählte Antonius Ignaz einen ebenso eleganten Gang, schreitend, aber doch in kürzeren Schritten, stets im klackernden Takt der eigenen holzbeschlagenen Stiefel, wobei die Unterarme in leichtem Schwung, jedoch in strengerer Haltung synkopisch den Vorgaben seiner schlanken Beine folgten. Diese Gangart eröffnete den außergewöhnlichen Vorteil, den Saum des Gehrocks in ein feines, unbedarftes Pendeln zu versetzen, wodurch schnellere Bewegungen, abruptes Innehalten oder ähnliche Regungen stets ihre Feinheit bewahrten und gleichsam die Augen der Zuschauer ganz in der Faszination perfekter Haltung zu bannen vermochten. Aber finden wir uns wieder im vorweg beschriebenen Raum ein, imaginieren das Gelächter, den Lärm, ein lächerliches Klavierspiel und so weiter, vor allem aber den Auftritt unserer Hauptfigur, die bald durch eine der seitlichen Türen das Etablissement betreten wird. Weiterhin natürlich die erwähnten wichtigen Drei, welche wir als Figuren genauer beobachten wollen als die anderen. 
Im gleichen Raum nämlich befand sich unter der vornehmlich männlichen Gesellschaft auch eine Dame jüngeren Alters, Mademoiselle Adéu, die für ihre Vorliebe, modisches Schwarz zu tragen, sowie ihren regen Tabakkonsum, insbesondere aber aufgrund ihrer natürlich außergewöhnlich schönen Erscheinnung höchste Anerkennung und Ehrerbietung unter den Gästen genießen durfte, wenn gleich auch diese beizeiten in ihrer Trunkenheit das Halstuch oder die Krawatte lockerten, den perligen Schweiß aus den Haaren strichen und Mademoiselle unanständig zum Tanze aufforderten. Diese Gesuche wurden durch zwei mit Mademoiselle Adéu am Tische sitzende ältere Herren verhindert, welche ich nachfolgend etwas genauer beschreiben möchte. In ersterem Falle handelt es sich um einen untersetzten Mittsechziger, eine feine Karikatur seiner selbst, gekleidet in einen schwarzen, zweireihigen Frack, welchen der dicke Bauch in jedem Moment zu sprengen drohte, während auf dem runden Kopf ein zeitgemäßer Zylinder wackelte. Seine gesamte Erscheinung könnte man, wäre jener nicht eine Person ehemals hohen Standes und ebenfalls von großem Ansehen aufgrund seiner vormaligen Leistungen auf dem Feld der Staatsangelegenheiten, als dampfkesselförmig bezeichnen, zumal er dicke Wolken blauen Rauchs aus den ebenso dicken Backen blies und nur mit krächziger Stimme im knatternden Diskant sprechen konnte. Soviel dazu, geneigter Leser! Nun aber zu seinem Gegenüber. Hierbei handelt es sich um einen schlankeren, wenn auch nicht sehr schlanken jüngeren Herren, wir möchten ihn auf das Ende der Vierziger schätzen, gekleidet in einen dunkelblauen Frack und gelb-grüner Weste. Die modisch etwas außergewöhnliche Erscheinung unterstrich jener gerne durch das Tragen eines antiquierten Barts nach Vorbild Napoleons III., welcher besonders in den Kreisen des Adels missgünstig bewertet wurde, während hingegen die bewusst über die Stirnhälfte gekämmten, welligen nussbraunen Haare insbesondere bei den jüngeren Frauenzimmern große Fürsprache und Sympathie erfuhren, umso mehr, wenn einige dieser Strähnen im warmen Bariton seiner Stimme in Schwingung gerieten. Diese drei Menschen pflegten also viele Nächte zusammen am Tisch zu sitzen, wiewohl sie, trotz inniger Konversation, Kartenspiel und bei allen Gemeinsamkeiten wie Unterschieden ihres Habitus wie auch der Auseinandersetzung über eben gleiches, niemals eine persönliche Ebene miteinander erreichten. Vielmehr schwebten sie wie ihr eigener dichter Rauch gemeinsam durch die Nacht, um mal zu verschmelzen, sich mal zu umspielen, um bald am Ende des Abends, bald in den frühen Morgenstunden, wenn man die Fenster zum Lüften öffnete, allein durch die klammen steinernen Straßen, ein jeder in seiner Richtung, zu entschwinden.
In diese merkwürdige Gesellschaft also geriet nun unsere Hauptfigur Antonius Ignaz. Endlich möchte ich davon erzählen.
Die leise knatternde Seitentür also fiel langsam ins Schloss und Antonius betrat unbemerkt den Raum. Mit den ersten musternden Blicken überflog er das Etablissement und überlegte, wie er seinen Gang, welchen er zuvor als besonders eleganten auserwählt hatte, nun der Räumlichkeit anpassen und etwas unauffälliger gestalten könne, um mit der Sicherheit des diskreten Gentlemans später die Gesellschaft und vielleicht auch die eine oder andere gute Partie für sich gewinnen zu können. Das ist eigentlich alles.

Kalte Gedanken

Wedlav erstarrte unter der kleinen Gruppe von zwölf Tannenbäumen, die sich auf der ebenso kleinen Lichtung zusammengefunden hatten, um zitternd beieinander im Schnee zu stehen. Natürlich schien wieder der volle Mond am Himmel wie eine wunderliche Lampe. Wedlav beobachtete diesen. Vielleicht wehmütig, das wissen wir nicht, jedenfalls beobachtete er nur und dachte nichts. Auch sein Gesicht, hell im Mondlicht, verriet keine Gefühle, Neigungen oder dergleichen.  Er saß nur dort, die Arme um die Knie geschlossen, und blickte hinauf.
Die Tannen aber waren schlau genug ihn deshalb nicht für einfältig oder sogar für einen Unmenschen zu halten. Sie schwiegen und überlegten wie ältere vernünftige Menschen, wonach sie ihr Handeln ausrichten sollten. Der Mond seufzte leise. Da plötzlich, als hätte sie den Schleier durchbrochen, geriet eine der Tannen in großen Aufruhr, warf einen dicken Schneeball in das kalte Gesicht des jungen Mannes, dass der Schnee in alle Richtungen dumpf zerstäubte, und rief ihm zu: »Das ist das Ende!«

In der Sprechstunde

»Was ist nur mit Ihnen geschehen?«, fragte der Arzt, indem er seine Brille zurechtrückte.
»Ich habe mich in einen Kürbis verwandelt«, sagte der Kürbis. 
»So so.«
»Ja. Mit mir verhält es sich so, dass ich es mit der Ungeduld überhaupt nicht mehr aushalten konnte, weshalb ich mich plötzlich eines Tages verwandelte.«
»Aha.«
»Das Leben als Kürbis ist aber keineswegs besser. Weil ich zuvor in der Liebe und im Leben stets zu schnell oder voreilig handelte und die Menschen sich bedrängt und auch überfordert fühlten, bin ich nun natürlicherweise bewegungslos, um Schaden von mir und anderen abzuwenden. Davon versprach ich mir eine lebenswerte Zukunft. Aber das trifft leider nicht zu.«
»Sicher nicht, Kürbis.«
»Ich bin also zu Ihnen gekommen, weil ich nun ratlos und verzweifelt bin. An mein voriges Leben ist nicht zu denken, aber dieses hier entspricht gar nicht meinen Vorstellungen. Herr Doktor, warum muss ich stets in höchster Ungeduld und Entfernung zur Liebe leben?«
»Weil Glück und Unglück auch für Kürbisse unumstößlich bleiben«, antwortete der Arzt gereizt aber wohlwollend und ließ den Patienten aus dem Zimmer schaffen, während dessen Tränen den Teppichboden orange färbten.

Buntes Schneetreiben

Einmal, im Winter, da fielen plötzlich alle Sterne vom Himmel auf die Erde. Vom seltsam dumpfen Geräusch ihres Aufprallens geweckt, versammelten sich die Bürger eines größeren Dorfes vor ihren Häusern im Schnee. Dort standen sie in der tiefsten Nacht und Dunkelheit, denn die Sterne waren erloschen. Sogar der Mond wurde schon seit mehreren Monaten vermisst und viele vermuteten, er hielte sich an einem anderen Ort versteckt oder sei übereilt in eine andere Welt geflüchtet. Endlich brachte man Fackeln herbei, um die seltsamen Himmelskörper untersuchen zu können. Als nun Straße um Straße das Dorf hell erleuchtet wurde, setzte ein großes Heulen und Klagen ein. Viele heiße Tränen liefen da über die Wangen. Selbst den hartgesottensten Bewohnern, die schon viele trübe Tage gesehen hatten, quoll es nur so aus den Augen. Während die Tränen also wie Regenschauer herunterprasselten, da kam gerade ein kleiner Junge aus der Nachbarstadt vorüber und wunderte sich: »Was sind das nur für Menschen, die Kürbisse beweinen?«            

Emil und die anderen

Als Emil nach Hause kam, da waren plötzlich alle verschwunden. Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Sogar der Großvater und die Großmutter. Und noch nicht genug. Auch Onkel und Tanten waren nicht aufzufinden, von Cousins und Cousinen ganz zu schweigen. Sogar deren Freunde, Verwandte und wiederum deren Freunde hatten sich in Luft aufgelöst.
Um ehrlich zu sein: Selbst der eben genannte Emil war eigentlich nicht da.

Lech und die Liebe

In der kleinen Bäckereistube waren nachmittags einige Menschen zusammengekommen. Unter ihnen auch der liebende Lech und eine schöne Frau jüngeren Alters. »Sie sind...«, setzte er an, »Sie sind sehr schön.
Sie haben eine schöne Nase und wunderbare, helle Haut. Wenn Sie dort so im Licht stehen, dann sieht man es genau. Wie Porzellan. Auch ihre Hände sind wohlgeformt, wie die wenigsten Menschen leider bemerken. Das macht mich sehr traurig. Aber wenn ich Sie dann wieder ansehe, hier in dieser Bäckerei oder draußen in der Welt, dann bin ich nicht mehr traurig. Sie tragen auch einen schönen Hut, obwohl er eigentlich nichts taugt. Genauso wenig ihre Stulpenstiefel. Die taugen auch nichts. Aber an Ihnen, Fräulein, an Ihnen ist es alles so zauberhaft. Ich möchte Ihnen auch unbedingt sagen, Fräulein, dass ich sogar sehr gerne mag, wie Ihre feinen Augen so klar und blass die Brote mustern. Wie kleine Reihen junger Kindergartenschüler. Dazu die Sonne und die Kühle, also jede herbstliche Regung der letzten Tage, welche so feenhaft an Ihnen klebt. Und auch wenn ihr Kind, das junge Mädchen mit dem Holzroller dort draußen, vor der Tür auf Sie wartet und hineinlugt wie eine hungrige Katze, und ich über das Vorhandensein Ihres womöglich sehr groben Ehemannes weiß, so möchte ich Ihnen sagen, dass ich Sie von nun an liebe.«
So sprach Lech aus, zog den Schal enger um den Hals und ging hinaus, um den ersten Schritt in eine zebrochene Welt zu setzen. 

Werk und Wille

Immer wenn Cornelius vor der Staffelei saß und malte, wurde er von einem entfernten Bekannten besucht. Dieser hieß mit Vornamen Franz und er schmähte die Werke des Malers hinter seinem Rücken, indem er hinterlistige Geschichten über deren Entstehung bei Freunden und Familie verbreitete. Eines Tages, nachdem er getrunken hatte, trat er mutig in das Atelier und rief in Freudentränen: »Deine Bilder sind stinkend und verschwitzt, Du Dummkopf!«
Cornelius aber erwiderte nichts, sondern schoss ihm direkt eine Kugel durch das Herz. Dann schoss er auch allen anderen, die ihn schmähten, eine Kugel durch das Herz. Danach schoss er noch ein paar Mal grundlos in die Luft, bis er davon genug hatte und sich wieder ans Malen setzte.

Lucretia und Florindo

Lucretia küsste Florindo unter einem Baum. Und Florindo freute sich. Und Lucretia freute sich auch. Und Lucretia trug einen schönen langen Rock. Und Florindo hatte Herzklopfen. Und Lucretia nahm seine Hand. Und Florindo trug einen feinen Hut. Und der Baum rauschte im Wind. Und Lucretia vergaß alle Menschen auf der Welt. Und Florindo zitterte ein wenig. Und Lucretia hatte langes, dunkles Haar. Und Florindo einen feinen Bart. Und ein Apfel fiel auf Florindos Kopf.

Ungerechtigkeiten

»Warum ist es so ungerecht?«, flehte Anton.
»Warum, warum schaut sie mich nicht an? Warum, warum, warum, kann ich sie nicht sehen, wenn ich es möchte?«, flehte er wiederum mit tränengefüllten Nussaugen.
»Warum, warum, ist alles ungerecht verteilt?«, flehte er, diesmal zu laut und ein spitzer, dünner Mann mit feinen Schuhen und schwarzem Gehstock erwiderte lachend:
»Weil es ein anderer bekommt. Weil es ein anderer bekommt. Weil es ein anderer bekommt«, fasste den eigenen dünnen Magen mit den alten Händen und schlich sich davon wie ein Mensch, der einsam bleiben will.

Falsche Freunde

Als wir eines Tages alle zusammen einen Spaziergang durch den verregneten Nachmittag wagten, da blieb Malvin mit dem Ärmel an einem Ast hängen. Während alle große Mühe aufbrachten, um ihn aus dem Gestrüpp zu befreien, geriet dieser in einen unbändigen Furor, biss, schlug und der Mund stand ihm voller Schaum. Die anderen, in einer großen Aufregung gefangen, schrien und lachten lauthals durcheinander wie die Schwachsinnigen, wobei sie Malvins Arme und Beine unter die Achseln klemmten und sie bis weit in den Wald mit sich hineinzogen. Ein schrecklicher Ekel ergriff mich bei diesem Anblick und es half auch kein Kopfschütteln.

Höllensturz

Sibylle betrachtete die sandsteinfarbene Brücke genau. Sie hatte dreizehn Bögen, maß etwa dreiunddreißig Meter in der Höhe und auf ihr warteten zweihundertfünfzigtausend unbekleidete Männer. Nacheinander sprangen sie beherzt in das kalte Wasser. Die meisten jedoch zersplitterten, dass Arme und Beine in alle Richtungen herumflogen, weil sie nicht genug Gewicht mit sich brachten. Schon nach dem siebzehnten Sprung verlor Sibylle die Lust daran und lief ans Ende der Welt, wo sie stolperte und sich eine ernsthafte Verletzung zuzog. Die Männer indes sprangen weiter.   

Franca und Franc

Weil Franca ihre Mitmenschen stets respektvoll behandelte und niemals anderen Leid zufügte, geriet sie an die Flasche und wurde wahnsinnig. Ihr Bruder Franc aber nicht. Dieser blieb völlig normal, auch wenn er ab und an trauerte. »Warum bleibt er normal?«, fragte ein anderer, ein junger Mann, der für seine Neugier bekannt war. Diese Geschichte kann uns allen darüber natürlich keine Auskunft geben. Sie erzählt es einfach nicht. 

Eine neue Tasse Tee

Hendrik ließ eine Tasse Tee fallen und blickte apathisch auf die Scherben. Alle schimpften ihn einen Idioten und viele schlugen ihm aus blanker Wut mit der flachen Hand ins Gesicht, dass es nur so klatschte. Selbst als dicke Tränen Hendriks Wangen hinabliefen, wollten die anderen ihre Meinung nicht ändern. Der Mond, welcher in dieser Nacht besonders rund und groß am Himmel klebte, äußerte sich ungefähr so: »Er bleibt ein Idiot.«  

An der Eiche

Der Donner erbrach sich über eine Stadt und geölte Blitze regneten vom Himmel auf Leonie und Lowein herab. Er wollte sie in Sicherheit bringen und floh mit ihr über die Felder zur alten Eiche. Sie schrie, als er sie wütend unter einem Baum in der Erde vergrub. Als ihn der Blitz traf, floh sie endlich. So kann es gehen im Leben.

Liebesbeweise

Immer wenn ich sie auf dem Weg zur Schule abholte, fuhren wir gemeinsam auf unseren Rädern und lächelten uns an, während die Sonne unsere Gesichter zerkratzte. Sie war schön und kannte meine Gefühle nicht. Ich dachte an ein Tandem und beschloss in meiner Liebherzigkeit eines zu kaufen. Das Geld dafür erpresste ich von einem behinderten Schüler, bei dessen reichen Eltern ich mich als Freund vorstellte. Als er eines Tages nicht mehr zahlen wollte, erschlug ich ihn in meinem Wahnsinn und kaufte beherzt das Tandem. Am nächsten morgen aber erschien sie nicht, also erbrach ich das Schloss ihrer Haustüre, um mir Zutritt zu verschaffen. Weinend fand ich sie auf dem Sofa; einer ihrer Mitschüler sei gestorben. Dennoch bat ich ihr freudig mein Geschenk an. Sie aber winkte nur ab, weshalb ich sie sogleich mit der metallenen Luftpumpe erschlug. 

Nachtfahrt

Nachts, wenn das Licht der Laternen auf die nassen Straßen fiel, dann ging ich hinaus und wartete auf sie. Sie fuhr ohne Licht durch den warmen Regen und niemals hielt sie an, wenn ich den Arm ausstreckte. Am nächsten Tag kam ich mit dem Gewehr und brachte den Wagen zum Stillstand und mit dem Schuss auch ihr eisernes Herz, das jetzt rostig auf dem meinen ruht.

Dichterstube

Nachdem meine Freundin vor einigen Jahren gestorben war, versuchte ich ihre letzten Gesichtszüge immer und immer wieder zu zeichnen, doch versagte mir die Kraft ein jedes Mal, wenn ich den Pinsel ansetzte. Also ersetzte ich diesen durch eine Feder und ließ sie in Liebesgedichten reinkarnieren. Als ich mich jedoch nach langer Zeit verliebte und meiner Neuen die Gedichte zu lesen gab, verließ sie mich schluchzend ohne zurückzukehren. 

Marktplatz

Den ersten Kuss gaben wir uns auf dem Marktplatz zwischen dem alten Rathaus und der Kirche. Sie war von hohem Wuchs und besonderem Ernst und ihre Küsse schmeckten wie rostige Eisenketten, die es zu ölen galt. Am nächsten Tag erschien sie mit ihrem Vater, einem grausamen Baron. Ich hatte Angst, doch blieb ich, hatte ich doch in der Schule gelernt vernünftig zu handeln. Noch bevor er mit dem Stock ausholte, rannte ich panisch davon. Am nächsten Tag wurde ich in eine andere Stadt gebracht.

Der Erfinder


Ich liebte sie, aber ich stürzte mich nach dem letzten Blick vom Leuchtturm. Ich bin also die Geschichte, die sich selbst schreibt - schließlich ist er ja tot. Sein letztes Handwerk war ein Leuchtturm, der Schiffe in die Klippen leuchtete. Selbst im Tod konnte man ihn noch über diesen Scherz lachen hören: Ha Ha Ha.

Marlon


Marlon saß in einem Café und trank Eisschorle. Auf seiner dreckigen Hose lag ein kleiner Stein, den er immer dort ablegte. Marlon war ein Autist.

Der Nachtwächter


Oft saß ich nächtens alleine in meiner Kabine und beobachtete. Während ich durch das Glasfenster über die Container hinweg starrte, dachte ich oft an ihr Gesicht und wie wir gemeinsam auf einer unermesslich hohen Mauer saßen, wie sie ihr Eis aß und mich anlächelte, wie sie mir ins Ohr flüsterte, wie der Wind sie von der Mauer wehte, wie sie schrie, wie ich hysterisch lachte.

Das Neugeborene


Das Kind kam zur Welt und schüttelte sich sofort in Gegenwehr. Der Arzt, ein hochgewachsener Mann, musterte es neugierig. Dann ließ er es fallen.